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Der Cellulite-Mythos

Cellulite bei einer Frauenstatue im Musee d'Orsay

Vor zwei Wochen habe ich die Kolumne der wunderbaren Susanne Klingner auf der Seite der taz gelesen. Sie wendete sich einem Thema zu, bei dem viele Frauen und auch Männer Schweißausbrüche bekommen: Cellulite. Irgendwie glaube Frauen ja immer noch, sie müssten sich für die Dellen auf ihrer Haut irgendwie schämen oder ein Heidengeld in irgendwelche Produkte und Behandlungen stecken, die dann doch nichts bringen.

Was viele vergessen (oder vielleicht gar nicht wissen?):

98 von 100 Frauen auf dieser Welt haben Cellulite¹

Weibliches Bindegewebe ist einfach anders aufgebaut als männliches und das ist völlig normal. Cellulite hat nichtmal was mit Übergewicht zu tun, auch sehr schlanke Frauen können sie bekommen. Sicher kann Übergewicht begünstigend wirken, aber zu schnelles Abnehmen auch. Und auch Männer können Cellulite bekommen, denn das hängt mit den Hormonen zusammen und die haben wir alle.

Das Phänomen Cellulite wurde irgendwann in den 70ern „erfunden“ und seitdem wird ein ganz tolles Geschäft damit betrieben. Eine Ernährungswissenschaftlerin und eine Kosmetikerin gelten als Erfinderinnen. Sie haben das Gerücht in die Welt gesetzt, wie Frauen-Oberschenkel und -Hintern auszusehen haben und seitdem breitete sich der Mythos von der Cellulite aus. Vorher hatten die Frauen (und auch Männer!) auch schon Cellulite, aber da hat es niemanden gestört. Noch in den 60ern hatten sogar Bond-Girls Cellulite. Schöne Frauen! Im Fernsehen! Wahnsinn!
Es ist also mal wieder ein weiteres völlig utopisches Schönheitideal einfach erfunden worden und wir meinen, uns daran halten zu müssen.
Auch Wikipedia kennt die Fakten und macht eine ganz wichtige Feststellung:

Cellulite ist keine Krankheitserscheinung, sondern eine biologisch bedingte Veränderung des weiblichen Bindegewebes, die zu einem rein ästhetischen Problem werden kann²

Was ich damit sagen will: Cellulite ist völlig normal und vor allen Dingen kein bisschen gefährlich. Es handelt sich nicht um eine Krankheit, gegen die dringend etwas getan werden muss. Ich kann durchaus verstehen, dass Cellulite nicht unbedingt das Schönste an einem Körper ist, klar. Doch wenn wir bedenken, dass fast alle Frauen Cellulite haben oder im Laufe ihres Lebens bekommen, ist es irgendwie absurd, sich dafür zu schämen oder sich gar zu verstecken.
Wir können ja eh nichts dagegen tun. Allen Mitteln und Methoden, die es zur Bekämpfung von Cellulite auf dem Markt gibt, kann bisher keine vollständige Wirksamkeit nachgewiesen werden. Wir werden da eh nur abgezockt. Etwa 5 Milliarden Euro verdient die Industrie jedes Jahr an Anti-Cellulite-Mitteln, sagt die SZ.³
Wenn ich dann lese, dass Cellulite „mit ein bisschen Disziplin“ oder „Fleiß“ zumindest zu mildern sei, geht mir die Hutschnur hoch! Undiszipliniert und faul sind wir also. Aha. Dick, dellig und disziplinlos – ergo selbst Schuld an unserem „Problem“, an unserem Körper. Macht euch mal klar, welch misogynes Frauenbild da dahinter steckt! Wir sollen gegen natürliche Erscheinungen unseres Körpers was tun, denn so wie wir geboren sind, sind wir nicht gut genug für diese Welt. Hallo?! Ein Bild, das hinter so ziemlich jedem Schönheitsideal steckt, das derzeit so kursiert.

Also: Mädels*, lasst euch nicht verrückt machen!

¹ Kleben Sie sich die Kolumne auf’n Arsch – Susanne Klingners Kolumne zu Cellulite
² Wikipedia-Eintrag zu Cellulite
³ SZ-Bericht über den Cellulite-Wahn

Waschbär Ben

Kaffeekasse

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49 Kommentare

  1. Ich danke dir für diesen Artikel. Ich gehöre auch zu den 98 % und dachte immer, dass es sooooo viele Menschen gibt die einen strammen , glatten Körper haben – nur ich nicht =) . Nun kann ich mich bequem zurücklehnen und meine kleinen Dellen zählen ( ich nenne sie übrigens „Hagelschaden“ ) =).

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