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Pinselkunde: Woher stammt das Haar?

Nicht nur in der Malerei, auch bei uns Schminktanten kommen Pinsel zum Einsatz. Wir benutzen dabei die unterschiedlichsten Arten und viele von uns können deutlich zwischen sämtlichen Pinseln für jede Körperpartie unterscheiden. Ob Rouge- und Blendepinsel oder Flat Top und Kabuki. Die Liste ist ellenlang und jeder hat seine speziellen Lieblinge. Aber wer von uns hat eigentlich mal nachgesehen woher die Haare am Pinsel eigentlich stammen und woraus sie hergestellt wurden? Ein Grund um sich etwas näher damit zu beschäftigen.

Pinsel gibt es mittlerweile aus den unterschiedlichsten Materialien. Ob aus Echthaar und Borsten von den verschiedensten Tieren oder das Pendant aus synthetischen Stoffen. Welches Material letztlich bevorzugt wird, hängt stark vom späteren Einsatz des Pinsels, von der Preisklasse und den eigenen Moralvorstellungen ab.

 

Ein Überblick: Materialien

  • Borsten (Echthaar) – In Deutschland werden unter Borstenpinseln ausschließlich Pinsel verkauft, deren Borsten vom Haus- oder Wildschwein stammen. Da freilebende Schweine weitaus kräftigeres und längeres Borstenhaar haben, gelten Wildschweinborsen als qualitativ hochwertiger und sind demnach teurer. Größter Lieferant für Borsten ist die Volksrepublik China. – Für Kosmetikpinsel werden Borsten aber eher selten eingesetzt.
  • Grobhaare/Langhaare (Echthaar) – Grobhaare stammen meistens von der Mähne oder dem Schweif des Pferdes. Deren Gewinnung hat in Deutschland eine lange Tradition. Auch der Rinderschweif dient zur Grobhaargewinnung.
  • Feinhaare (Echthaar) – Feinhaare sind die teuersten unter den verschiedenen Materialien. Sie sind besonders dünn und auch nicht sehr lang, weshalb sie sich sehr gut für feine und sehr weiche Pinsel eignen. Das teuerste unter den Feinhaaren ist das Kolinskyhaar, einer in Asien beheimateten Marderart. Es ist tatsächlich mehr wert als die gleiche Menge an Gold. – Feinhaare werden von den unterschiedlichsten Tierarten gewonnen. Darunter: Wieselhaar (Mauswiesel, Hermelin), Iltishaar, Bärenhaar und Ziegenhaar (beides eher selten), Dachshaar (oft für Rasierpinsel), Fehhaar (Eichhörnchen), Rindsohrenhaar, Ponyhaar (sehr preiswert und weit verbreitet).
  • Pflanzliche Fasern – Die Fasern von Agaven, Kokospalmen und anderen tropischen Gewächsen dienen ebenso als Pinselhaar. Allerdings ist deren Einsatz bei Kosmetikpinseln eher gering bis nicht vorhanden. Die stärkere Konkurrenz sind hier die synthetischen Pinsel.
  • Synthetische Haare – Synsthetische Haarpinsel sind in der Produktion meistens sehr viel günstiger und mittlerweile stehen sie den Echthaar-Pinseln in nichts nach, können sogar besser sein. Genutzte Stoffe sind zum Beispiel: Polyamide (bekannt darunter sind Nylon, Rilsan, Tynex und Perlon), Polyvinylchloride, Polystrole, Polyester (Orel ist zb auf Polyesterbasis) und Polypropylene. (siehe Wiki-Artikel: Kunststoff)

Wie wird das Echthaar gewonnen?

Die Beispieltiere in meiner Auflistung zeigen zum großen Teil Wildtiere. Im Gegensatz zu den Rinder-, Hausschwein- und Pferde/Ponyhaaren sind diese kein Nebenprodukt der Schlachtindustrie. Die meisten Wildtiere, wie etwa Dachse, reagieren äußerst aggressiv auf den Menschen, so ist also deutlich das Märchen auszuschließen, diese Tiere würden regelmäßig rasiert. Die meisten Dachse, die auch das Dachshaar für die Pinsel liefern, sind Zuchttiere aus China. Denn dort werden Dachse auch zum Verzehr gehalten. Wichtig zu wissen: Wildtiere sind nicht domestiziert und an ein Leben in Gefangenschaft nicht „gewöhnt“. Das Einsperren dieser Tiere ist also in keinster Weise artgerecht.

Bei meiner kleinen Recherche stieß ich auf ein Schreiben vom Deutschen Tierschutzbund, welches ich zu diesem Thema zitieren möchte:

„[…] Das Rohmaterial wird von Kürschnereien, sofern es sich um Fell- und Pelzstücke handelt, von Schlachthöfen, beispielsweise Rinderohrenränder, aber hauptsächlich von Lieferanten ausländischer Tierhaare bezogen. Diese stammen vor allem aus dem asiatischen Raum, in erster Linie aus China, Russland, der Mongolei und Korea, aber auch aus dem nordamerikanischen Raum.

Gerade weil Naturhaarpinsel überwiegend aus dem asiatischen Raum nach Europa und Deutschland eingeführt werden, bleibt grundsätzlich die Frage offen, unter welchen Bedingungen die Tiere ihrer Haare beraubt werden. Wildlebende Tiere werden gejagt oder durch Schlingen und Fallen getötet. Ob sie auch – wie Pelztiere – in Gefangenschaft industriell gehalten werden, ist uns nicht bekannt. Man kann aber prinzipiell davon ausgehen, dass die Tierschutzstandards nicht mit denen in Deutschland vergleichbar sind. Dies gilt auch für die Haltung und Tötung domestizierter Tiere wie z. B. der Schweine, Rinder und Pferde außerhalb der EU. Hier ist Vorsicht immer geboten.

Insgesamt bleibt die Tierschutzrelevanz, die mit der Gewinnung von Naturhaarpinseln verbunden ist, der Öffentlichkeit weitgehend verborgen. Besonders brutal sind die Fangeisen und Schlingen von Fallenstellern, in die vor allem kleinere wildlebende Säugetiere wie Wiesel, Iltis oder Dachs geraten. Sie führen zu Knochenbrüchen, Fleischwunden und ausgerenkten Gelenken. Da diese Fallen oftmals nicht unmittelbar die von ihnen gefangenen Tiere töten, ist der Tod der Tiere besonders qualvoll und zieht sich über viele Stunden hin.

Kritisch betrachtet werden muss leider auch die Nutzung der so genannten Schlachtnebenprodukte wie z. B. der Haare vom Ohrrand der Rinder. Solange in Deutschland Fleisch konsumiert und Häute und Felle bei der Schlachtung anfallen, ist es aus der Sicht des Deutschen Tierschutzbundes besser diese zu nutzen als wegzuwerfen. Dabei ist aber zu bedenken, dass die Fleischproduktion durch die Massentierhaltung geprägt ist und die Tiere unter völlig unzureichenden Bedingungen ihr Dasein fristen. Der Deutsche Tierschutzbund kämpft für eine tiergerechte und schonende Behandlung der Tiere von der Geburt bis zur Schlachtung und hat aus diesem Grunde die Initiative NEULAND mitgegründet, die eine tier- und umweltgerechte Landwirtschaft gewährleistet.

Wer Tierleid nicht fördern will, der verwendet synthetisch hergestellte Pinsel. Dabei handelt es sich um qualitativ hochwertige Pinsel für unterschiedliche Ansprüche, die nicht nur eine hervorragende, da tierschutzgerechte Alternative zu den Naturhaarpinseln darstellen, sie sind zudem häufig auch deutlich günstiger im Einkauf. Es gibt somit keinen vernünftigen Grund diese nicht zu nutzen. […]“

Ich habe für diesen Artikel bei einigen Firmen, die Echthaarpinsel produzieren nachgefragt. Von einigen erhielt ich eine Antwort, darf diese hier aber nicht zitieren, was ich sehr schade finde. Der Inhalt gleicht zusammengefasst eher Werbetexten und es wurde natürlich mehrmals versichert, dass kein Tier extra für die Pinsel leiden musste. Mir zeigt es mal wieder auf wie scheinheilig diese Art von Werbung ist. Nur wegen der Pinsel musste Pony XY vielleicht nicht leiden, aber es wurde schließlich zuvor geschlachtet. Ein Satz a la „Unsere Pinselhaare stammen von glücklichen Tieren.“ macht nun mehr wütend und ich wünsche mir gerade in diesem Gebiet viel mehr Aufklärung.

Bedrohte Art: Der Dachs

Die oft in China produzierten Dachshaarpinsel sind weltweit sehr beliebt. Wohl gerade auch für Rasurpinsel sind diese Echthaare stark verbreitet und für viele qualitativ nicht zu überbieten. Wenngleich es auch mittlerweile viele synthetische Alternativen gibt, die sich immer mehr durchsetzen. – Erschreckend ist nicht nur die eigentliche Gewinnung der Echthaare (s.o.), sondern auch die Tatsache, dass die meisten Dachsarten heutzutage auf der ganzen Welt vom Aussterben bedroht sind. Aus diesem Grund wurden Produkte aus Dachshaar vor einigen Jahren bereits in Holland verboten. Mittlerweile sind diese Produkte wieder erlaubt, wenn der Hersteller über einen teuren DNA-Test nachweisen kann, dass das Haar von einer Dachsart stammt, die nicht vom Aussterben bedroht ist.

Viele vegane Pinsel findet ihr hier: Im Überblick: Vegane Kosmetikpinsel

Quellen: http://forum.nassrasur.com, http://www.emsplace.com/bristle_types_and_bloom.htm, http://www.andis-artgalerie.info/downloads/kleine-pinselkunde.pdf, http://www.gw-fanworld.net/showthread.php?s=df3450ae862b005ab4c535f029237b6b&t=101235&page=2
Bildquelle: http://animalphotos.deviantart.com CC
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52 Kommentare

  1. Avatar
    KatiKolumna

    Hallo, auch ich habe mich eingehend mit dem Thema beschäftigt und mir Pinsel von Real Techniques zugelegt, sowie das Bamboo Set von Zoeva. Bei Backstage oder EcoTools werde ich mir viell. noch ein paar vereinzelte Pinselchen bestellen. Wenn man sich von allen Firmen etwas zusammensucht, kann man auf einen beachtlichen Bestand an „cruelty-free“- Pinseln kommen. Wunderbar! Ich finde es nicht gerechtfertigt, Eichhörnchen, Wiesel, Marder und dergleichen qualvoll zu töten, nur, damit wir uns Farbe ins Gesicht schmieren können! Deswegen danke für diesen tollen Bericht, ich hoffe, dass damit ein immer breitere Öffentlichkeit erreicht wird :Raccoon:

  2. Avatar
    glyzinie

    Letztendlich ist Synthetikhaar Plastik. Und das zu vermeiden ist bei mir oberste Priorität.
    Ich vermute mal stark, dass die ebelin-Pinsel aus preiswerten Tierhaaren sind (man hat ja hier die Wahl zwischen Kunst- und Echthaar), von Schlachttieren, damit kann ich gut leben. Sonst wären sie wohl teurer, auch sind da keine besonders feinen und kurzhaarigen dabei.
    Auch hatte ich vor kurzem erst den Pinsel ausgetauscht. Ein Echthaarpinsel hält um die 10 Jahre, wenn er gut verarbeitet ist (also keine Haare verliert). Und synthetische Haare können da eher nicht mithalten.

  3. Avatar
    dany

    Hallo,

    ich habe mir vor einiger Zeit bei Zoeva das Vegane Pinselset bestellt…sind wirklich prima:-) und bei the Body Shop gibt es einen günstigen veganen Rasierpinsel für 12 €

    Nur mal so als Tip ;-)

    Liebe Grüße Dany.

  4. Pingback: GIMME 5 Pinselempfehlungen für Neulinge (vegan edition) | Blanc et Noir – Vegan Beauty Blog

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    Ann

    Ich habe eine Frage & zwar weißt du etwas über die Haare der Real technique Pinsel ??

    Ich hab den Artikel grob überflogen.Habe mir das schon gedacht mit den Pinsel und dass die Beschaffung der Haare nicht koscher ist da ich einiges über die Pelzindustrie gelesen habe und die nicht artgerechte Tierhaltung zwar hier nicht erlaubt ist aber die importierten Waren aus unzumutbarer Haltung stammen kann.Jedenfalls hab ich jetzt die Gewissheit immer erst genaueres über die Pinsel in Erfahrung zu bringen.Danke für den Artikel

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    liebe Eva,
    von Kosmetikpinseln habe ich keine Ahnung. Von Aquarellpinseln schon. Es gibt keine synthetische Faser, die Rotmarderhaar auch nur entfernt nahe kommen würde in der Qualität beim malen. Mutter Natur schlägt uns da noch immer um Längen. Allerdings halten Rotmarder Haar Pinsel von guter Qualität auch ein Leben lang. Ich gucke immer wieder nach synthetischen Alternativen, wenn ich eine finde, versuche ich dran zu denken, das hier zu posten.

  7. Avatar

    Hi!

    Cooler Artikel. Ich bin zwar weder Veganer, noch Vegetarier, wollte aber dennoch mal mehr über die Pinselproduktion wissen. Ich teste das nächste mal Synthetisch aus. Mal schauen, ob die Qualität gleich ist! ;)

  8. Pingback: Im Überblick: Vegane Kosmetikpinsel | Blanc et Noir – Vegan Beauty Blog

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    Alex.S.

    Hört sich prinzipiell nicht verkehrt an… Nur leider sind synthetische Pinsel keine wirklich bessere Alternative. Synthetisch ist ein schöneres Wort für Plastik, welches aus Erdöl und anderen ungesunden Stoffen hergestellt wird. Plastik verseucht unsere Umwelt, weil es sich kaum abbauen lässt und unsere Welt voll davon ist. Die Weichmacher stehen im Verdacht, Verursacher vieler schädlicher Folgen (Krankheiten, Unfruchtbarkeit…) zu sein. Wen das interessiert, dem kann ich wärmstens den Film „Plastic Planet“ empfehlen. Das ist eine Doku, über die Herstellung, Verbreitung und Entsorgung unseres Plastiks.

    Von Pinseln hab ich keinen Plan. Allgemein, sind für mich Naturfasern aus Pflanzen eine Lösung. Aber wie gesagt, keine Ahnung ob es so was bei Pinseln gibt.

  10. Pingback: Die Wahrheit über „100%“ plastikfreie, kompostierbare und rein pflanzliche Bambus-Zahnbürsten – Wasteland Rebel

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